LA
ANTENA
THE AERIAL / Esteban Sapir
CENTERPIECE / Argentinien 2007, 90 min, spanische OmdU / Deutsche
Premiere
Gelegentlich, sehr gelegentlich, kommt es vor, dass man Filme
sieht, die einen erst einmal sprachlos machen, ratlos, ehrfürchtig.
Weil sie sich jeder Kategorisierung entziehen, weil sie ausgetretene
Pfade gar nicht erst berühren, weil sie die Grenzen des
filmisch Machbaren ausloten und überschreiten, weil sie
das Medium benutzen, um mit Bildern etwas zu schaffen, was
man so noch nicht gesehen hat.
LA ANTENA (THE AERIAL) ist einer dieser raren Filme, die zweite
Regiearbeit des Argentiniers Esteban Sapir, der mit seinem
Erstling PICADO FINO vor elf Jahren auf sich aufmerksam machte
und sich nun, beeindruckend gereift, als wahrer Meister erweist:
In gewisser Weise lässt Sapir den Zuschauer die Kunstform
Film neu entdecken, mit ganz unschuldigen Augen sehen. Die
in Schwarz-weiß gedrehte und fast komplett ohne Worte
auskommende Utopie ist natürlich auch eine Hommage an
die Ära des Stummfilms im Allgemeinen und den deutschen
Expressionismus im Besonderen. Sie schärft unser Bewusstsein
dafür, wie sehr Filme an visueller Kraft verloren haben,
seit wir daran gewöhnt sind, wichtige Informationen zum
großen Teil durch Dialoge oder gar Off-Kommentare vermittelt
zu bekommen. In diesem Sinn ist LA ANTENA eine Offenbarung,
die sich am offensichtlichsten auf Langs METROPOLIS und Méliès
LE VOYAGE DANS LA LUNE beruft – aber auch von Murnau
und Eisenstein inspiriert ist, ohne auch nur eine Sekunde altbacken
oder rückwärtsgewandt zu wirken. Im Gegenteil: Es
ist ein höchst moderner Film im Märchengewand, dessen
Verzicht auf verbale Kommunikation keine stilistische Macke
ist, sondern unmittelbar vom Thema des Films bedingt wird.
Denn Sprachlosigkeit steht im Zentrum dieser aufregenden Versuchsanordnung,
der es gelingt mit großartigen Bildern viel über
eine traurige Welt zu erzählen, die sich durch Konsum
und Manipulation in einen Dämmerzustand hat versetzen
lassen. Es regiert der allmächtige Mr. TV, der dem Volk
seine Stimme geraubt hat und die Bürger mit Fernsehbildern
betäubt. Um die totalitäre Kontrolle mit Hilfe von
Massenhypnose zu sichern und die Menschheit auf ewig zum Schweigen
zu bringen, entführt er das letzte Wesen, das noch eine
Stimme hat: eine bildschöne Sängerin. Doch ein Fernsehmechaniker
wird Zeuge und flieht mit seiner Familie in einen alten Sendeturm
in den Bergen, um Mr. TV Einhalt zu gebieten.
LA ANTENA ist ein Füllhorn origineller Ideen und großartigen
Set-Designs: Zu Beginn des Films erwächst aus einem Buch
eine Stadt aus Papier, Kommunikation findet mit Hilfe von Sprechblasen
statt, die wiederum unmittelbar von den Figuren im Bild manipulierbar
sind. All das wird präsentiert mit hohem Tempo und Tableaus,
in denen man sich wälzen will. Wenn die Zukunft des Kinos
so aussähe, müsste man sich keine Sorgen machen.
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